„Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate“ (97:3)
Diese Nacht ist eine Einladung Gottes, eine Offerte zu Seiner Vergebung und schließlich zum Paradies, und die Frage ist, ob der Mensch bereit ist, ein wahrer Empfänger dieser Einladung zu sein.
Mit diesem Text möchte ich nun einige Tipps geben, wie wir diese Einladung Gottes am besten annehmen bzw. wie diese Nacht am besten zu gestalten ist. Lailat al-Qadr wird als die Nacht des Schicksals, die Nacht der Bestimmung bezeichnet. Sie ist gleichzeitig die Nacht der Veränderung, welche mit der Offenbarung des Korans begann. Denn die erste Botschaft, welche in der Qadr-Nacht an den Propheten gerichtet wurde, war der Befehl: ‚Iqra‘- lies oder lerne, denn durch Lesen sollte tatsächlich das Lernen stattfinden. Das Lernen wird definiert als ein Prozess, welcher durch die neue Information zu einer Veränderung des Verhaltens führen sollte. Somit könnte die erste koranische Botschaft Iqra – als ‚verändere dich‘ verstanden werden. Sie solle als ein Aufruf zu einer Veränderung, als eine Herausforderung an den Status Quo, verstanden werden. Mit der ersten Offenbarung begann die Transformation des Lebens des Propheten Mohammed.
In dieser ersten und wichtigsten Koranischen Botschaft, welche ein Impuls zur Veränderung der Lage darstellt, liegt der wahre Wert der Nacht der Bestimmung. Der Wert dieser Nacht übersteigt mehr als tausend Monate, allerdings nicht nur aufgrund der gottesdienstlichen Handlungen, die vermehrt verrichtet werden, sondern wegen der festen Entscheidung, in einen Prozess der Verbesserung einzusteigen. Daher sollte diese Nacht auch ein entscheidender Punkt sein, an dem wir uns selbst und Gott ein Versprechen machen, dass wir unsere Verhaltensweisen verändern werden. Ich werde ein besserer Mensch sein, ein besserer Vater, Ehemann, eine bessere Mutter, Ehefrau, ein besserer Nachbar, Mitarbeiter, Bürger usw.
So wie die erste Botschaft des Korans in der Qadr-Nacht ein Impuls war, den Lebenszustand des Propheten zu ändern, sollte unsere Veränderung mit dem Koran beginnen. In dieser Nacht sollte der Koran besonders in unserem Fokus stehen. Wir sollten den Großteil unserer Zeit dem Koran widmen und uns als die direkten Empfänger dieser Botschaft verstehen. Der Absicht des Korans ist es, dich glücklich zu machen: „Wir haben den Koran nicht auf dich hinab gesandt, um dich unglücklich zu machen“ (20:2). Dieser Vers befindet sich am Anfang der Sure Taha, während im letzten Teil dieser Sure uns vermittelt wird: „Wer sich aber von Meiner Ermahnung abwendet, der wird ein beengtes Leben führen.“ (20:124). Daraus entnehmen wir, dass das Niveau der spirituellen Gelassenheit im Leben eines Gläubigen davon abhängt, inwiefern die Botschaft des Korans einen Platz in seinem Leben gefunden hat.
Weitere Tipps, wie diese Einladung Gottes am besten angenommen wird, finden wir in drei kurzen Versen aus der Sure ad-Dhariyat, die eine Grundlage unserer Handlungen in der Qadr-Nacht darstellen können. In diesen drei Versen wird über die Handlungen der Bewohner des Paradieses berichtet, im ersten Vers wird uns gesagt, dass sie diejenigen sind:
„Nur ein wenig pflegten sie in der Nacht zu schlafen“ (51:17)
Es sind diejenigen, die ihre Nächte oder ein Teil davon mit dem Gebet beleben. Also versuchen wir, in diesen letzten Nächten mindestens einen Teil der Nacht im Gebet zu verbringen. Dies können zwei Einheiten sein, es kann vielleicht nur zehn Minuten deiner Zeit nehmen, aber die Belohnung wird unermesslich sein.
Im zweiten der drei Verse wird uns ein weiterer Tipp gegeben, was in dieser Nacht zu tun ist:
„und im letzten Teil der Nacht pflegten sie um Vergebung zu bitten“ (51:18)
Mit dem Wort Ashar ist das letzte Drittel der Nacht gemeint, in dem Gott uns besonders nahe steht. Es ist in dieser Zeit, wenn wir über unsere Verhaltensweisen Gott und unseren Mitmenschen gegenüber reflektieren, wir machen eine Inventur unseres Verhaltens, wir denken über unsere Fehler nach und zeigen Einsicht. Dies entspricht einen weiteren Grund, was die Qadr-Nacht wertvoller als tausend Monate ausmacht. Denn ein Moment, in dem wir vor Gott in Demut stehen, und zugeben, dass wir falsch lagen, dass wir Fehler begangen haben, kann wertvoller als ein ganzes Leben bezeichnet von Hochmut sein. Gott ist Allvergebend und freut Sich auf dieses Gespräch.
Gleichzeitig, jeder, der diese Nacht im Gebet verbringt, sollte sein Bittgebet kritisch hinterfragen, ob er der Vergebung wert ist bzw. ob er jemanden Ungerecht getan hat, denn Gott schenkt Seine Vergebung erst dann, wenn die getroffene Seite ihre Vergebung gegeben hat. Eine andere Dimension, die zu beachten ist, ist, wenn wir um Vergebung bitten, ob wir mit gleicher Bereitschaft unseren Mitmenschen entgegenkommen. Denn so wie du andere behandelst, wird dich Gott gleichfalls behandeln. Der Koran weist auf diesen zweiseitigen Zusammenhang folgendermaßen hin: „Sie sollen (vielmehr) vergeben und verzeihen. Wünscht ihr nicht, dass Gott euch vergebe?“ (24: 22). Dementsprechend, einer der beste Wege in dieser Nacht, Gottes Vergebung zu erlangen, ist, den Menschen ihre Missetaten dir gegenüber zu verzeihen. Daher ist die Qadr-Nacht eine Zeit der Versöhnung mit Gott, mit sich selbst und mit unseren Mitmenschen.
Schließlich, der dritte Hinweis aus der Sure ad-Dariyat, welche uns als ein Tipp für diese Nacht bereit steht, lautet :
„und (sie gestanden) an ihrem Besitz dem Bettler und dem Unbemittelten ein Anrecht (zu).“ (51: 19)
Unsere Handlungen heute Abend und bis Ende Ramadan sollten nicht nur auf Koranrezitation und das Gebet bzw. Bittgebet reduziert werden. Vielmehr sollten wir die Tugenden, sawab von Qadr-Nacht in der Solidarität unseren Mitmenschen gegenüber suchen, in dem wir an Bedürftige denken. Wir sollten heute Abend und jeden Tag bis Ende Ramadan einen kleinen Betrag als Spende überweisen, eben wenn es minimal ist. Wir sind privilegiert, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir und die meisten unserer Nachbarn nicht bedürftig sind. Allerdings besteht heutzutage die Möglichkeit mit einem ‚klick’ mit unseren Beitrag das Leben eines Menschen im fernsten Teil der Welt zu verändern. Auf diesem Weg beschließen wir in dieser Nacht nicht nur die eigene Veränderung, sondern wir verändern die Lage anderer Menschen.
Wenn all dies uns gelungen ist, dann wird diese Nacht ihren Sinn erfüllt haben.



